Das Jahrhundertexperiment


Der Zwang zum Innehalten während des Lockdowns ist ein historisch einzigartiges Experiment der Menschheit. Im Gespräch mit Kollegen und Freunden erfuhr ich, dass für mich dieses Innehalten wesentlich einschneidender war, als für viele andere. Aber es hatte durchaus auch wichtige positive Ergebnisse für mich. Ich möchte mich ausschließlich auf die persönlichen Erfahrungen beziehen. Gesamtgesellschaftliche Veränderungen möchte ich im Moment explizit ausschließen.

Abschied und Ballast abwerfen Das Jahrhundertexperiment Wolf Werdigier 20201
Ballast abwerfen:
Wenn das Ende des eigenen Lebens auf einmal in realer Nähe erscheint, beginne ich radikal Ballast abzuwerfen. Und zwar wie von selbst, ohne Probleme. Projekte, Aktivitäten, die bislang außer Frage standen werden abgeschlossen. Vieles erscheint überflüssig, weil ich es nur zur sozialen Anerkennung, oder zur eigenen Eitelkeit gemacht habe.
Wenn es mir um die Weiterentwicklung interessanter künstlerischer Methoden geht, dann spielt soziale Anerkennung keine Rolle. Auch die Präsenz am Markt spielt keine Rolle. Ich denke an Leute wie Grotowski, die sich schlussendlich zurückgezogen haben, nur um ihre Konzepte experimentell weiterzuentwickeln.

Privileg. die Dämonen benennen Das Jahrhundertexperiment Wolf Werdigier 20202
Das Privileg des Künstlers:
Als Künstler habe ich die Möglichkeit, die namenlosen Dämonen zu benennen. Alles was mir Angst macht, kann ich mit Analogien, Bildern, oder anderer künstlerischer Interpretation beschreiben und dadurch einen Namen geben. Haben die Dämonen einmal einen Namen, sind sie gebändigt, kann ich mit ihnen umgehen.

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Regredieren:
In der Krise haben wir als Menschen die Neigung zu regredieren. Gefühle, Ängste, Träum unserer Jugend kommen jetzt auf einmal empor. Dies ist Konfliktpotential mit unseren Mitmenschen, aber auch eine Chance, sich genauer mit diesen Dingen zu beschäftigen, weil wir sie immer noch mit uns herumschleppen. So fühlte ich mich als Kind immer eingesperrt, sozial isoliert und fremdbestimmt. Jetzt schrieb ich einen Brief an mich mit 16 Jahren. Ich möchte mich weiter damit beschäftigen.

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Ruckblicke über das eigene Leben führen zu neuen Konzepten:
Ich begann Filme, die für mich früher von großer Bedeutung waren, nochmals anzusehen. Zum Beispiel „Mein Essen mit Andre“. In diesem Film bemerkte ich, dass ich viele verschiedene künstlerische Techniken in völlig eigenständiger Initiative in Seminaren erlernte, ohne dass mir dies bewusst war. Diese sehr spezifischen Techniken beschreiben einen so weiten Horizont, dass sie in einer akademischen Ausbildung nie enthalten sein können. Trotzdem sind sie aber meiner Meinung nach alle für künstlerisches Arbeiten von essentieller Bedeutung. So zum Beispiel Psychodrama nach Maurizio Peciccia, Holotropes Atmen nach Stanislav Grof, Social Dreaming Matrix nach Gordon Lawrence, Hypnose nach Milton Erickson, Drehbuch nach Christopher Vogler, Methoden der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics, Cricot 2, Psychoanalyse und Groß-Gruppenverhalten nach Vamik Volkan.
Hieraus ergibt sich ein völlig neuer Blick auf die Internationale Sommerakademie Venedig im speziellen und auf die Ausbildung in Kunstakademien im allgemeinen: Die Große innovative Kraft durch Interdisziplinarität kann noch wesentlich erweitert werden durch Einschließen eines viel breiteren spezifischen Wissensbereiches.

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Ein sehr spezieller Aspekt der Isolation ist die Veränderung gewohnter Annäherungen in Mann-Frau Beziehungen. Während zur Zeit einer Mademoiselle de Scudéry im 17. Jahrhundert langwierige Usanzen der Annäherung beschrieben wurden, sind diese im Zeitalter von „Tinder“ und ähnlichen Plattformen auf nahezu Null reduziert worden. Befinden wir uns in der jetzigen Ausnahmesituation der distanzierten Kontakte in einer Umkehrung zu Verhaltensweisen, wie wir sie vor 50 Jahren vielleicht hatten? Wie ist mit den Gohstpartnern umzugehen? Wenn die Sprachen wieder wichtig werden, wie sehen die unterschiedlichen Sprachen aus, die Männer und Frauen gebrauchen? Dazu ist ein Projekt künstlerischer Interpretation in Vorbereitung.

 

  • Abschied_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Abschied_und_Ballast_abwerfen_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Abschied_von_Murano_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Die_Sprache_der_Frau_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Die_Sprache_des_Mannes_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Die_Sprache_des_Mannes_II_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Privileg._die_Dämonen_benennen_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Regression._Verloren_verlassen_alleine._-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Regression_Die_Wut_des_jungen_Mannes_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020
  • Regression_Geiselhaft_-_Das_Jahrhundertexperiment_-_Wolf_Werdigier_2020

 

Ein anderes Experiment:

William Kentridge meint, dass der Betrachter von Bildern automatisch Geschichten erfindet.
Das Erzählerische ist eine Notwendigkeit, die in dem Moment auftaucht, in dem man zwei Bilder zusammensetzt. „Das Prinzip, Sequenzen, Bilder oder Gruppen von Bildern nebeneinander zu setzen, ist eine natürliche Art, zu einer Erzählung zu kommen. Mit anderen Worten: Es ist nicht so, als müsstest du die Erzählung vorher kennen. Sobald diese verschiedenen Elemente nebeneinandergesetzt werden, provozieren sie die Frage, die nach der Geschichte ist, die vom Zuschauer konstruiert wird. In allen Filmen gibt es große Lücken, weil es tatsächlich keine Erzählung gibt, die ich vorher kenne. Ich denke sie mir genauso aus. Ich versuche, genau wie jeder andere Zuschauer, Zusammenhänge herzustellen…“

Abschied von Murano

  

Bilder, die in einem bestimmten emotionalen Moment entstanden sind, können eine ganze Lebensphase in sich tragen. Sie sind wie ein Duft, der an einen ganzen Zeitraum erinnert. Ein solches Bild ist „der Abschied von Murano“.

Obwohl Marc damals alleine im Vaporetto von Murano Richtung Flughafen fuhr, da Agnes schon einen Tag früher nach Hause fahren musste, war dies der eigentliche Abschied dreier wunderbarer Tage. Es ist das Dröhnen des Vaporetto-Motors zu hören und die endlosen Wellen zu sehen, die sich perspektivisch im Fluchtpunkt am Horizont verlieren. Es ist auch die Silhouette von Murano zu sehen, die immer weiter im morgendlichen Nebel entschwindet. Es ist ein zutiefst angenehmes Gefühl der Wärme, das Gefühl unermesslichen Glückes, aber auch der Ungewissheit über die Zukunft.

Dieses Bild drückt alles aus, was diese Beziehung ausmacht. Es ist kein anderes Bild notwendig. Alles ist hier drinnen.

Um dies zu zeigen, will ich fortfahren:

Agnes und Marc waren Musiker. Sie brauchten nicht viele Worte um sich zu verständigen. Die meiste Zeit begaben sie sich an stille Orte in Venedig oder Florenz, oder sonst wo, wo sie sich eben trafen, und hörten von Tonträgern über Kopfhörer die verschiedensten Musikproben an, um an Weiterentwicklungen zu arbeiten. Es war der Ausflug in eine andere Welt, so als ob sie in einem Fesselballon in die Lüfte schwebten und es keine Rolle spielte wohin der Wind sie trieb.

Sie lernten sich bei einem Kammer-Konzert in einer Kirche kennen. Als ein Musiker ausfiel und Marc von einem Freund gebeten wurde einzuspringen. Er kannte Agnes nur vom Sehen. Es war im letzten Moment und es gab keine Möglichkeit auch nur das Geringste zu proben. Die meisten Stücke kannte Marc und so war es nicht so schlimm, einzuspringen. Aber eine selten gespielte Kantate von Bach war ihm völlig unbekannt und diese war überdies rhythmisch sehr kompliziert. Marc war fasziniert über die Selbstsicherheit, mit der Agnes über alle Klippen hinwegspielte. Für ihn gab es aber mehrere kritische Passagen. Er hatte sogar Angst, er würde das ganze Konzert schmeißen und ihren Ruf schädigen. Aber am Ende gab es großen Applaus und als das Publikum gefragt wurde, welches Stück es sich als Zugabe wünschte, war es gerade diese Kantate.

Beide wussten über diese Abgründe und nach dem Konzert liefen sie hinter den Altar, fielen sich in die Arme, so als ob sie sich gegenseitig stützen wollten. Aber sie fielen zu Boden und wälzten sich vor Glück auf den staubigen alten Teppichen der Sakristei. So blieben sie wahrscheinlich Stunden liegen, bis der Pförtner die Kirche schließen wollte.

Es war der Beginn einer wunderbaren Beziehung voller Lust und Freude. Marc erinnert sich, dass ihre Sexualität so wild war, dass beide oft stundenlang nachher vor Erschöpfung quer zueinander regungslos dalagen.

Aber es war für beide auch nicht nur einfach. Beide lebten in Trennung von einer anderen Beziehung und beide wollten von den bisher empfundenen schweren Fehlern lernen. Für Marc bedeutete dies ein Beenden aller bisherigen Berufs- und Beziehungsformen. Er wollte frei sein und alles neu beginnen. Er wollte unbedingt alleine wohnen und sich nur zur Freude und Lust mit Agnes treffen. Alle Arbeit, alle Sorgen, alle Familienprobleme, sollte jeder für sich selbst ausmachen. Agnes hingegen wollte unbedingt bei ihm sein, dauernd und immer, alles teilen. Sie fühlte sich alleine, verlassen und verloren.

Erschwert wurde dieser Zwiespalt noch dadurch, dass beide, Agnes und Marc nur unter großen Dramen sich von ihren bisherigen Partnern trennen konnten. Bei Marc stand wie ein Gericht seine bisherige Frau immer zwischen ihm und einer neuen Beziehung. Agnes hingegen hatte wichtige berufliche Verbindungen mit ihrem bisherigen Partner, die sie nicht aufgeben konnte.

All dies überschattete die wunderbaren Begegnungen. Vor allem des Nachts kam in den Träumen schwarze Farbe wie Pech über beide. Aber sie wussten auch, wenn sie sich in einer Woche wieder treffen werden, sie sich nahe beim Flughafen, oder hinter dem Bahnhof auf einer ruhigen Bank Rücken an Rücken sitzen werden und nur spüren, wie ihrer beide Energie gleich reißender Ströme durch ihre Körper fließen wird.

Als Jahre später Marc von einer Kollegin gefragt wurde, was für ihn verführerisch an einer Frau wäre, meinte Marc: „Der unerwartete Anblick für den Bruchteil einer Sekunde eines intimen Körperteils.“ Es faszinierte Marc, dass für Sekundenbruchteile ein Anblick wie ein Pfeil unter dem Radar seiner Bewusstseinskontrolle hindurchschiessen konnte. Dann erinnerte er sich, dass ihm dies schon zwei Mal passiert ist. Einmal öffnete eine attraktive Kollegin ihre Bluse über ihre nackten Brüste für einen kurzen Moment. Einmal zeigte eine Kollegin ihm völlig unerwartet pornographische Fotos von sich und packte sie sofort wieder weg, so als ob nichts geschehen wäre. Beide Frauen sind ihm nicht mehr in Erinnerung.

Alles ist im Bild „Abschied von Murano“ enthalten. Es braucht keines anderen Bildes.

 

Abschied von Murano Das Jahrhundertexperiment Wolf Werdigier 2020