1. Selber Ausländer
Viele von uns sind Ausländer in zweiter oder
dritter
Generation. Mein Vater war polnischer Jude, der in Ebensee von den
Amerikanern
befreit und als Ausländer hier geblieben ist.
2. das Experiment mit dem Übergangsobjekt
Vamik Volkan entwickelte die Metapher der Laterne
um die
Methode des Lernens der Realität durch das Kleinkind zu
veranschaulichen. Die Laterne hat eine durchsichtige und eine undurchsichtige Seite und das
Kind
dreht sie immer hin und her bis es die Realität in seiner Ganzheit
akzeptieren
kann. Auch Erwachsene bedienen sich oft der opaken Seite um sich nicht
der
gesamten Realität aussetzten zu müssen. So können wir selbst testen wo
unsere
Vorurteile beginnen und wo sie aufhören, was wir uns zumuten und was wir
nicht
wollen.
3. die
Liste meiner Ängste als Fragen an meinen Vater
Alle meine Ängste die ich als Fragen heute
Ausländern stellen
möchte, (z.B. wer sorgt für die Demokratie, wer sorgt für die
Aufklärung, wer
sorgt für die Kunst) hätte ich auch 1950 meinem Vater stellen können und
hätte
keine Antwort bekommen.
4. die
Psychose als Prisma in die Zukunft
Während wir normalerweise gewohnt sind in
politischen
Kategorien, Parteien und Wertordnungen zu kategorisieren, zerfallen
solche Systeme unserer logischen Verbindungen bei psychotischen Patienten in
einzelne
Partikel. Sie werden wie Splitter in einem Kaleidoskop willkürlich durcheinander geworfen. Aber die Splitter selber sind bemerkenswert: Jesus, Hitler, Gott, der Teufel,…
Wenn sich die Gesellschaft ändert, ist es ähnlich
wie in der
Psychose: Es bleiben nur mehr die Partikel. Diese werden durcheinander
geworfen.

Wie kann die Psychoanalyse
uns helfen, das Phänomen der Vorurteile gegenüber Ausländer besser zu
verstehen: 4
Ansätze
Ein Gespräch mit Dr. Josef Shaked
Das psychoanalytische Schema der
Kindheitsentwicklung
beschreibt die ersten Phasen nach der Geburt folgend:
Am Anfang gibt es keine Unterscheidung zwischen
sich und der
Mutter, die Mutter ist das ganze Universum.
Etwa im 6. Monat nimmt das Kind wahr, dass die
Mutter eine
fremde Person ist. Das Kind bekommt Angst, dass die Mutter nicht mehr
Teil vom
Kind ist.
Das Kind versucht die äußere Mutter in sich
hereinzunehmen.
Es macht sich ein inneres Bild von der Mutter. Wenn die Mutter nicht da
ist,
tröstet es sich mit dem inneren Bild der Mutter.
Das Kind beginnt zwischen vertrauten Personen und
fremden zu
unterscheiden. Fremde Personen wirken bedrohlich. Erst nach einer Zeit
der
Anwesenheit entwickelt das Kind Neugierde.
Das Kind erkennt Ambivalenzen: die Mutter ist nicht
immer
lieb, aufmerksam, spricht auch mit anderen Personen. So teilt das Kind die
Mutter in
zwei Personen: eine gute Mutter und eine böse.
(Dies wird oft in Märchen repräsentiert: die gute
Mutter und
die böse Stiefmutter, die eigene Mutter und die Hexe, alle diese Personen sind in
Wirklichkeit Ausdruck der Ambivalenz gegenüber der einen eigenen Mutter.)
Gute Freundschaften des erwachsenen Menschen sind
auch
ambivalent. Man lernt, mit Konflikten umzugehen, man lernt, die Realität
zu
akzeptieren. Gestörte Erwachsene können diese Ambivalenz nicht ertragen.
Sie
können nicht akzeptieren, dass der andere auch andere Eigenschaften hat.
Unter Stress, Angst oder bei starken Emotionen
regredieren
wir in die kindliche Stufe: wir ertragen die Ambivalenz nicht, wir sehen nur
unseres
Gleichen einerseits und Fremde andererseits.
Dieses verstärkte Bestreben der Abgrenzung der eigenen
Identität in der Regression, die Unterscheidung zwischen wir und die Fremden, das nicht ertragen der Ambivalenzen, bricht derzeit in unserer Gesellschaft gleich zweifach über uns herein:
Einmal in Bezug auf die Fremden im eigenen Land
(die
Migranten) und zum anderen, das Näherrücken der Fremden in der EU, die bislang eher weit
weg
waren.
| Franz Kafka: “Der Prozess”: In mitten dieser angsterstarrten Welt des Gesetztes, dieser feindlichen Umgebung bricht plötzlich das Schmutzige und die Sexualität hervor. Währen der Gerichtsverhandlung wurde K. “durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den Dunst weißlich und blendete. Es handelt sich um die Waschfrau, die K. gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte. Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah nur, dass ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke.“ (Kafka) … „K.s
Irrtum besteht darin, die Übereinstimmung zwischen dieser Störung und dem Gericht zu verkennen. Er denkt jedermann wolle, dass man das Paar aus dem Saal jage; aber vom Moment an, wo er selber daran geht, die Ordnung wiederherzustellen, drängt sich das von dieser Störung erregte Publikum zusammen und versperrt ihm den Weg.. An diesem Punkt ist das Spiel zu Ende: Aus dem Gleis geworfen, verliert K. den Faden seiner Verteidigungsrede; von ohnmächtiger Wut erfüllt, bleibt ihm zuletzt nur, den Saal zu verlassen.“ (Zizek)
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| Franz Kafka: „Vor dem Gesetzt“:
„Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt ihn dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“ sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.““ … Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. … Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht
gestellt hat. … „Alle streben doch nach dem Gesetz“ sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ (Kafka) |