wolf werdigier

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    Tagebuch, 15. März 2017

     

    Das Leben ist wie ein Wunder: Es beginnt jeden Tag aufs neue.
    Dieser unglaubliche Moment des Neubeginns ist das Motiv des ersten Tages unseres gemeinsamen Tagebuchprojektes.

    Und jeder Tag ist anders.
    Deshalb wird jedes Bild dieses Tagebuches in einer anderen Form, oder Technik, oder Stimmung sein,
    oder nicht einmal ein Bild, sondern ein Text oder eine Plastik.

     

     

     

     

    15.03.2017b


  • 28. Oktober 2015

     

    "Risk-averse" schreibt die New York Times zur Frieze Art

     

    so als ob die Kunst heute nicht mehr anecken kann. wie lange bleiben dann noch die Chill-Räume ohne Politik, ohne Ecken und Kanten?

       

     

    bei der Biennale in Venedig gab es Politik, aber keine Malerei. heißt das, dass Malerei unpolitisch geworden ist?

    das Kapital

     

    blues blood bruise

    Daniel Hamm: "come out to show them", Steve Reich: "come out"


  • 9. MAI

     

    GEspräche über KUNST

    und

    des Kaiser's neue Kleider

     

    Manchmal gibt es Situationen, da fällt es einem wie Schuppen von den Augen.

    Im folgenden zu beschreibendem Fall, ist es mir nicht einmal klar, was der Auslöser war. 

    Entstanden ist der Gedanke während des Gespräches mit zwei Kollegen, Michael Pilz und Walter Stach, aber der Humus auf dem dies gedieh geht wahrscheinlich weiter zurück, zumindest auf die Diskussion mit Wolfgang Ullrich.

    Nun zu den Schuppen:

    Als Künstler versuche ich möglichst ehrlich aus meinen eigenen Gefühlen zu schöpfen, diese künstlerisch auszudrücken, in Bildern zu verarbeiten und schließlich einem Publikum zu zeigen. Mir ist es ein Anliegen Menschen aus dem Publikum zu berühren, zu bewegen, vielleicht auch in ein Gespräch mit mir zu kommen.

    So weit so trivial.

    Wer ist dieses Publikum? Zum Teil sind es andere Künstler, die ebenso empfinden und mit denen es interessant ist in Austausch zu treten.

    Was aber mit den nicht-Künstlern? Und diese sind doch noch immer in der überwiegenden Mehrzahl der Gesellschaft.

    Dieses Publikum lernt, was Kunst ist, in erster Linie in den Museen moderner Kunst und in den Medien, die über diese berichten. Da sieht es einen Mark Rothko, einen Picasso, oder einen Donald Judd. 

    Es sieht diese Künstler genauso, wie es das Logo von Mac Donalds, Apple, oder Nike sieht. Es werden wegen der Autorität dieser Künstler deren künstlerische Sprache auswendig gelernt, wiedererkannt und diskutiert. Dies ist Kunsterziehung vom Feinsten, denn es handelt sich um unbestreitbare Größen der Kunstgeschichte. Manchmal geht dieses Publikum auch in bekannte Galerien, oder größere Kunstmessen und dann wird auch Baselitz, Richter oder Jeff Koons gelernt.

    All das ist ehrenhaft, hat aber mit dem zu Beginn formulierten Anspruch, dass Kunst mit den Gefühlen des Künstlers zu tun haben soll und dies möglichst ehrlich, nichts im Geringsten zu tun. Niemand hat nur die blasseste Ahnung, was Mark Rothko angetrieben hat, seine Bilder so zu malen, wie er es tat. Dabei wäre dies noch relativ einfach zu erforschen. Bei Picasso ist dies wegen der Vielfalt schon absolut unmöglich.

    In anderen Worten, wir haben es in der Kunstwelt mit des Kaisers neuen Kleidern zu tun, die sich aus sich selbst heraus definieren, weil deren Künstler so berühmt geworden sind, dass man deren Sprache auswendig lernt. Eine ganze Gesellschaft lernt einen Kauderwelsch von Kunstsprache, der nichts mit den Gefühlen der Künstler und schon gar nichts mit den Gefühlen der Betrachter zu tun hat.

    Jetzt finde ich mich plötzlich als Künstler wieder, in einem System zweier völlig verschiedener Verständnis - Welten. Und ich muss erkennen, dass meine Welt kein Publikum hat. Und die Welt des Publikums nicht meine ist. Jetzt erst verstehe ich, dass, fast jeder in der  gebildeten Mittelschicht sehr viel auf sein Interesse an Kunst hält, aber im Gespräch mit mir es immer nur um die Farben Rothkos, oder die Busen bei Jeff Koons geht, nie aber womit ich ringe, was ich ausdrücken möchte, ob das ehrlich ist, was ich meine, etc. 

    Wenn man also das Lesen von Kunst identisch mit dem Lesen von Logos von Mac Donalds oder Nike sieht, und mit fortgeschrittenem Bildungsgrad eben auch mit dem Duktus von Picasso, dann spielt sich die Kunstrezeption auf rein dekorativem Niveau ab. Und ich wage zu behaupten, dass dies in der überwiegenden Zahl des Publikums der Fall ist. Es geht gar nicht um Rezeption, es geht um Befriedigung durch Wiedererkennung. Wenn also meine Malerei expressionistische Züge hat, dann ist sie gegebenenfalls wegen dieser Wiedererkennung interessant. Alles andere ist uninteressant. Künstler, wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol haben das erkannt und bestens eingesetzt.

    Ich bin also Künstler in einer Welt ohne Publikum. Das Berühren, von dem ich lebe, gibt es eigentlich gar nicht. Ist eine Chimäre.

    Wolf WErdigier

    Was tun?

    Mein Publikum suchen.

    Wenn es das aber nicht gibt?

    Dann zuerst einmal erklären, was ich gefühlt habe, warum ich dieses Bild gemalt habe. Vielleicht dabei erst mir selbst darüber klar werden, was in mir vorgegangen ist, sodass ich dieses Bild malte.

    Nun kommt sofort der Protest beim Publikum, ich zerstöre seine Fantasie über dieses Bild. OK. Deshalb ist es genauso wichtig, wie die eigenen Beweggründe zu nennen, auch das Publikum einzuladen, seine Assoziationen zu nennen. Psychoanalytisch gesehen befinden wir uns in einer Matrix, in der alle diese Assoziationen wichtig und richtig sind. 

    Michael Pilz erzählte mir die Geschichte, in der ein Kunstpädagoge bei seinem Publikum fragte, warum eine Person einen gelben Schal angezogen hat. Auf die Antwort der betreffenden Person hierauf, fragte er die gleiche Frage nochmals. So als ob er die erste Antwort als nicht ausreichend oder nicht richtig akzeptierte. Und dann nochmals und nochmals, bis die betreffende Person Antworten erfand. Und diese Antworten waren genauso wichtig.

    Ich behaupte, dass erst in solchen Gesprächen der Betrachter vom dekorativen Kunstverständnis zu einer Kunstrezeption kommt. 

    Und was würde es heißen das Publikum abzuholen, wo es ist? (Der Künstler als Taxifahrer).

    Dann müssten wir von Mac Donalds und Nike Logos ausgehen und von diesen weiterarbeiten:

    Mc Donalds Logo

     

  • Bilderausstellung zu CHarles Bodelaire's "Les Fleurs du Mal"

     

    Vielleicht haben sie das schon einmal erlebt. Wenn man sehr verliebt ist und irgendwohin geht, dann merken das offensichtlich die anderen Menschen und reagieren entsprechend.Les_Fleur_du_Mal_I Wolf Werdigier Einmal sprach mich ein Mann an und sagte ich bin sicher sehr glücklich. Und wenn man sehr verliebt ist und  zu zweit unterwegs ist und es gibt eine Person die die Liebenden umsorgt, wie zB ein Kellner in einem Restaurant, dann ist das etwas sehr Vertrauliches. Es ist als ob wir uns zu zweit verlieren können in unser Paradies und der andere für uns sorgt.

    Vielleicht haben sie das auch schon einmal erlebt.Les_Fleur_du_Mal_II

    Ich war mit ihr in einem Restaurant und war unglaublich glücklich. Wir kannten uns kaum, ich fand sie schön, erotisch und anregend. Ob sie in mich auch verliebt war ist schwer zu sagen. Jedenfalls fand sie Gefallen an meinem Umwerben. Wir waren beide überglücklich, es vergingen viele Stunden und ich merkte garnicht, dass wir plötzlich gehen mussten.

    Les_Fleur_du_Mal_IV

    Eigenartiger Weise war es auf einmal zu spät für alles. Beim Ausgang war sie müde, verabschiedete sich und ging. In solchen Situationen bin ich immer wie berauscht und denke nicht, wie geht das weiter?  Ich stand da, ging noch einige Schritte alleine durch die leeren Strassen und am nächsten Tag wollte ich wieder zu ihr. Ich wusste, dass sie bald abreisen würde und  dass ich sie nicht mehr so antreffen werde können, wie es gestern im Restaurant war. Ich wollte das Glück von gestern festhalten und ich ging zurück zum Restaurant, um dort ein Bild zu malen, welches unser Glück erinnern sollte. Zuerst fand ich die Strasse  garnicht. Nach langem Suchen entdeckte ich das Lokal doch noch und als ich eintrat, konnte ich den Kellner von gestern nicht mehr finden. Er hatte gestern den letzten Tag hier gearbeitet. Auf einmal war es, als ob es gestern garnicht gegeben hätte.

    Les_Fleur_du_Mal_III
    Ich konnte kein Bild malen und ich konnte auch nicht mehr zu ihr gehen.

    Einige Zeit später, ich war ebenfalls abgereist,  fand ich auf Facebook einen Gruss eines Freundes, mit einem Photo von ihm in einem Restaurant. Es gab dort gerade eine Bilderausstellung der gemalten Portraits der Kellner. Schräg hinter ihm erkannte ich jenen Kellner wieder, der zu meinem Glück gehörte. Ich hatte ihn wieder! Ich konnte das Bild malen, und ich konnte es ihr schicken! 

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Der Text wurde anläßlich einer Publikation in "untitled" neu verfasst.