Kunstdiskurs


  • 17. September

    Podiumsdiskussion

    mit

    Dr. Karoline Feyertag

    und

    Csaba Fazakas

     

    Produzentengalerie Wien Wolf WERdigier Csaba Fazakas Dr. Karoline FeyertagWie jeden Monat führten wir auch am Dienstag, 17. September eine Podiumsdiskussion. Diesmal zur laufenden Ausstellung von Csaba Fazakas „HOMO DEUS“. Diese Diskussion war eine großartige Hinführung zu den ausgestellten Kunstwerken.

    Wir hatten Dr. Karoline Feyertag gemeinsam mit Csaba Fazakas aufs Podium gebeten. Gleich zu Beginn gab es die verschiedenen Interpretationen des Konzeptes „HOMO DEUS“, die weit in die Geschichte hineinreichten, aber mit Harari’s Buch in die Gegenwart führten: während Elon Musk an Hirnimplantaten arbeitet, mit denen es möglich sein soll das Gehirn mir Computern zu vernetzten , weil er meint, dass sich der Mensch langfristig zum Cyborg aufrüsten müsste, wenn er nicht inmitten der künstlichen Umgebung überflüssig werden soll“ ist für Yuval Harari die Technik weniger der Ausweg, sondern die Ursache dafür, dass der Mensch zur Diskussion steht. … Im Zeitalter der Automatisierung verliert der Mensch zunehmend die Kontrolle. Wir delegieren Entscheidungen an Algorithmen, ob bei der Navigation, auf den Terminbörsen oder beim Drohnenkrieg.“ (Adrian Lobe)

    Für Csaba ist aber die Kernfrage: was fällt bei dieser Entwicklung von all dem angehäuften Wissen der Menschen wieder weg und was bleibt?

    Karoline Feyertag brachte das Gespräch näher an die Kunstwerke heran. Sie sieht in ihnen gleichsam Ausgrabungen in ferner Zukunft über die Menschheit heute. Der Begriff „Ausgrabungen“, das „in die Tiefe gehen“ wurde in der Diskussion plötzlich Anstoß für viele weitere Überlegungen zur menschlichen Fähigkeit in die Tiefe zu gehen. (Nomi Fischer) Jeder Mensch trägt in seiner Tiefe seine Vergangenheit, seine Gefühle, seine menschlichen Eigenheiten. Während die Bilderflut und alle Internet-Messages an unsere Oberfläche hinwegrauschen und wir den Eindruck dieser Verwirrtheit und Oberflächlichkeit von uns bekommen, besitzen wir immer noch diese Fähigkeit zur Tiefe. Und genau dies führt uns Csaba Fazakas in seinen Bildern vor. Csaba kommt von der Lithographie und hat in seinen neuen Arbeiten den Vorgang des Ätzens, des in die Tiefe Gehens ins Vielfache vergrößert.

    Auf die Frage, ob es in der Geschichte der Philosophie überhaupt einen solchen Bezug auf die „Tiefe des Menschen“, auf die Gefühle und das Körperliche, auf die Knochen, die etwa die Traumata früherer Generationen in sich tragen, ob es das in der Philosophie gegeben hat, wo doch Philosophie für uns nur die Geschichte geistigen Denkens ist. Und dies führte die Diskussion zur Philosophie des Tuns und praktischen Handelns. Indem ich tue, spüre ich mich, spüre ich meinen Körper.

    eroeffnung csaba 2251 webWorauf Csaba Fazakas auch auf seine Objekte hinwies, als Dokumente des Tuns. Auf die Objekte nahm Karoline Feyertag Bezug durch die Beobachtung der Materialien. Das Verkohlte, das Brot, der Waschtrog, die Eier, auch das Gold, sind die Urmaterialien des Menschen.

    Dies erinnert an die Kunst der „Arte Povera“-Bewegung, die das Einfache aus den alltäglichen Verrichtungen des Menschen in ihre Kunst aufnahm. Interessanterweise entspricht das genau dem zuvor angesprochenen Tun und praktischen Handeln.

    Diese Einbindung der ausgestellten Kunst in den kunsthistorischen Kontext finde ich sehr wertvoll. Stellt es doch unsere Arbeit in einen größeren historischen Zusammenhang menschlichen künstlerischen Ausdruckes. Es sind keine Objekte des Zufalls, sie sind nicht irgendwie, sie stehen in einem größeren Zusammenhang.
    Wolf Werdigier


  • 9. MAI

     

    GEspräche über KUNST

    und

    des Kaiser's neue Kleider

     

    Manchmal gibt es Situationen, da fällt es einem wie Schuppen von den Augen.

    Im folgenden zu beschreibendem Fall, ist es mir nicht einmal klar, was der Auslöser war. 

    Entstanden ist der Gedanke während des Gespräches mit zwei Kollegen, Michael Pilz und Walter Stach, aber der Humus auf dem dies gedieh geht wahrscheinlich weiter zurück, zumindest auf die Diskussion mit Wolfgang Ullrich.

    Nun zu den Schuppen:

    Als Künstler versuche ich möglichst ehrlich aus meinen eigenen Gefühlen zu schöpfen, diese künstlerisch auszudrücken, in Bildern zu verarbeiten und schließlich einem Publikum zu zeigen. Mir ist es ein Anliegen Menschen aus dem Publikum zu berühren, zu bewegen, vielleicht auch in ein Gespräch mit mir zu kommen.

    So weit so trivial.

    Wer ist dieses Publikum? Zum Teil sind es andere Künstler, die ebenso empfinden und mit denen es interessant ist in Austausch zu treten.

    Was aber mit den nicht-Künstlern? Und diese sind doch noch immer in der überwiegenden Mehrzahl der Gesellschaft.

    Dieses Publikum lernt, was Kunst ist, in erster Linie in den Museen moderner Kunst und in den Medien, die über diese berichten. Da sieht es einen Mark Rothko, einen Picasso, oder einen Donald Judd. 

    Es sieht diese Künstler genauso, wie es das Logo von Mac Donalds, Apple, oder Nike sieht. Es werden wegen der Autorität dieser Künstler deren künstlerische Sprache auswendig gelernt, wiedererkannt und diskutiert. Dies ist Kunsterziehung vom Feinsten, denn es handelt sich um unbestreitbare Größen der Kunstgeschichte. Manchmal geht dieses Publikum auch in bekannte Galerien, oder größere Kunstmessen und dann wird auch Baselitz, Richter oder Jeff Koons gelernt.

    All das ist ehrenhaft, hat aber mit dem zu Beginn formulierten Anspruch, dass Kunst mit den Gefühlen des Künstlers zu tun haben soll und dies möglichst ehrlich, nichts im Geringsten zu tun. Niemand hat nur die blasseste Ahnung, was Mark Rothko angetrieben hat, seine Bilder so zu malen, wie er es tat. Dabei wäre dies noch relativ einfach zu erforschen. Bei Picasso ist dies wegen der Vielfalt schon absolut unmöglich.

    In anderen Worten, wir haben es in der Kunstwelt mit des Kaisers neuen Kleidern zu tun, die sich aus sich selbst heraus definieren, weil deren Künstler so berühmt geworden sind, dass man deren Sprache auswendig lernt. Eine ganze Gesellschaft lernt einen Kauderwelsch von Kunstsprache, der nichts mit den Gefühlen der Künstler und schon gar nichts mit den Gefühlen der Betrachter zu tun hat.

    Jetzt finde ich mich plötzlich als Künstler wieder, in einem System zweier völlig verschiedener Verständnis - Welten. Und ich muss erkennen, dass meine Welt kein Publikum hat. Und die Welt des Publikums nicht meine ist. Jetzt erst verstehe ich, dass, fast jeder in der  gebildeten Mittelschicht sehr viel auf sein Interesse an Kunst hält, aber im Gespräch mit mir es immer nur um die Farben Rothkos, oder die Busen bei Jeff Koons geht, nie aber womit ich ringe, was ich ausdrücken möchte, ob das ehrlich ist, was ich meine, etc. 

    Wenn man also das Lesen von Kunst identisch mit dem Lesen von Logos von Mac Donalds oder Nike sieht, und mit fortgeschrittenem Bildungsgrad eben auch mit dem Duktus von Picasso, dann spielt sich die Kunstrezeption auf rein dekorativem Niveau ab. Und ich wage zu behaupten, dass dies in der überwiegenden Zahl des Publikums der Fall ist. Es geht gar nicht um Rezeption, es geht um Befriedigung durch Wiedererkennung. Wenn also meine Malerei expressionistische Züge hat, dann ist sie gegebenenfalls wegen dieser Wiedererkennung interessant. Alles andere ist uninteressant. Künstler, wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol haben das erkannt und bestens eingesetzt.

    Ich bin also Künstler in einer Welt ohne Publikum. Das Berühren, von dem ich lebe, gibt es eigentlich gar nicht. Ist eine Chimäre.

    Wolf WErdigier

    Was tun?

    Mein Publikum suchen.

    Wenn es das aber nicht gibt?

    Dann zuerst einmal erklären, was ich gefühlt habe, warum ich dieses Bild gemalt habe. Vielleicht dabei erst mir selbst darüber klar werden, was in mir vorgegangen ist, sodass ich dieses Bild malte.

    Nun kommt sofort der Protest beim Publikum, ich zerstöre seine Fantasie über dieses Bild. OK. Deshalb ist es genauso wichtig, wie die eigenen Beweggründe zu nennen, auch das Publikum einzuladen, seine Assoziationen zu nennen. Psychoanalytisch gesehen befinden wir uns in einer Matrix, in der alle diese Assoziationen wichtig und richtig sind. 

    Michael Pilz erzählte mir die Geschichte, in der ein Kunstpädagoge bei seinem Publikum fragte, warum eine Person einen gelben Schal angezogen hat. Auf die Antwort der betreffenden Person hierauf, fragte er die gleiche Frage nochmals. So als ob er die erste Antwort als nicht ausreichend oder nicht richtig akzeptierte. Und dann nochmals und nochmals, bis die betreffende Person Antworten erfand. Und diese Antworten waren genauso wichtig.

    Ich behaupte, dass erst in solchen Gesprächen der Betrachter vom dekorativen Kunstverständnis zu einer Kunstrezeption kommt. 

    Und was würde es heißen das Publikum abzuholen, wo es ist? (Der Künstler als Taxifahrer).

    Dann müssten wir von Mac Donalds und Nike Logos ausgehen und von diesen weiterarbeiten:

    Mc Donalds Logo